NGaT - Norddeutsche Gesellschaft für angewandte Tiefenpsychologie
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einem der Mitglieder des Vorstandes persönlich Kontakt aufnehmen würden.
Geschichte der NGaT


aus: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 6/78

Rückblick auf 10 Jahre Fortbildung in der
Norddeutschen Gesellschaft für angewandte Tiefenpsychologie
Praxisbezogener Lernprozeß durch konsequente Gruppenarbeit

Anfangsmühen und Rückschlag

Auf der Rückseite unserer Jahresprogramme steht, daß die NGaT 1968 von Herrn Prof. Dr. Opitz in Schleswig gegründet wurde für Ärzte und Psychologen in Norddeutschland, die an der Psychotherapie interessiert sind. Nach 10 Jahren ist es an der Zeit, diesen schlichten Satz mit etwas mehr Farbe zu beleben. Wie kam es dazu, daß gerade Herr Prof. Opitz diese Gründung wagte? Er war bei seiner auffallenden Körpergröße eher ein stiller und zurückhaltender Mann, dem solche offiziellen Schritte keineswegs lagen. Er hatte 1956 den Auftrag erhalten, im Rahmen des Landeskrankenhauses Schleswig eine psychotherapeutische Abteilung aufzubauen. Daß Psychotherapie notwendig war in unserem Land, wurde zwar gesehen - aber ohne entsprechend vorgebildete Mitarbeiter war es für Herrn Prof. Opitz eine harte Belastung, ja fast ein Unding, wie sein früher Tod eigentlich offenbarte. Aus seiner Notlage heraus versuchte er in 10 Jahren vor der Gründung unserer Gesellschaft, sich einen Kreis von Mitarbeitern heranzubilden. Aus diesem in Flensburg tagenden Kreis kam dann auch die Initiative zur Gründung. Aber als Herr Prof. Opitz bereits am 25.2. 1969 starb, schien das Schicksal der jungen Gesellschaft zunächst besiegelt zu sein.

Kontinuierliche Seminar- und Gruppenarbeit

Indessen stimmten 9 der 11 Mitglieder am 8. 9. 1969 für die Fortführung. Es war wieder die Initiative der Flensburger Gruppe unter Leitung von Herrn Dr. Reuter, der zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde, die den Fortbestand der NGaT trug, verstärkt durch die fachliche Kompetenz von Herrn Dr. Maspfuhl, Hamburg, des damals gewählten 2. Vorsitzenden und die wissenschaftliche Unterstützung von Herrn Dr. Thilo, Lübeck, die beide Ende 1968 zur Gesellschaft gekommen waren. Mir wurden diese drei "Säulen" der Gesellschaft bei meiner ersten Teilnahme im August 1969 bereits deutlich. Frau Scharfenberg, Herr Scharfenberg, Herr Thilo
In meinem ersten Gespräch mit Herrn Dr. Maspfuhl begründete er mir seine Ansicht, daß die Gesellschaft mehr im Seminar-Stil geleitet werden müßte. Die Wahl Husums als ständigen Tagungsort alle 4 Wochen in Thordsens Parkhotel erwies sich als hilfreich und sehr glücklich. Durch Herrn Dr. Maspfuhl kamen infolge der Auflösung der Hamburgischen Ärztlichen Arbeitsgemeinschaft für Psychotherapie - der 1953 gegründeten HÄA, weitere Kollegen zu uns. Es wurde eine am Fall orientierte Arbeit begonnen in 2 geschlossenen Gruppen unter Leitung von Dr. Maspfuhl und Dr. Schütt vor und nach den gemeinsamen Seminarveranstaltungen mit Vortrag durch einen auswärtigen Referenten oder ein Mitglied der Gesellschaft. Daneben lief die Flensburger Gruppe unter Leitung von Dr. Reuter weiter.

Die Bedeutung mitmenschlicher Kontakte

Wir tagten von Samstagmittag bis Sonntagmittag. Samstag ab 20.00 h nach getaner Arbeit saßen wir in der gemütlichen Weinstube des Hotels beim gemeinsamen Abendessen und fanden Entspannung und Freude dabei. Es war nicht nur der Wein, der die Zungen löste; es war ein echtes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Ausgleich, welches hier sein Ventil fand. Manchmal im Sommer ergab sich eine Deichwanderung oder ein erfrischendes Bad, später entdeckten wir die Kegelbahn des Hotels. Auch unsere Feste im Januar gehören hierher. Sie wurden eigentlich von Jahr zu Jahr schöner. Herr und Frau Jung aus Husum steigerten dabei ihre diesbezüglichen Fähigkeiten ganz offensichtlich.

Wenn ich auf diese Seite der Gesellschaft einging, könnten Sie mit Recht fragen, was hat das mit einem praxisbezogenen Lernprozeß zu tun? Ich möchte antworten, daß dieses Stück gelebter Befriedigung eine Kraftquelle gewesen ist, damit die Anstrengungen des Kopfes eben bekömmlich blieben. Aus dem gleichen Grunde haben wir uns einem weiteren Vorwurf ausgesetzt; was tun denn die Ehefrauen in dieser Gesellschaft, zumal wenn ihre fachliche Vorbildung nicht genügend zu sein schien? Sie fühlten sich in den Lernprozeß mit einbezogen und gewannen in der kleinen Selbsterfahrungsgruppe unter der behutsamen Leitung von Herrn Dr. Bobke, Einsichten, die sie in einem besseren Verständnis ihren Kindern oder den Patienten ihrer Ehemänner zugute kommen ließen. Für manches Ehepaar wurde das vierwöchentliche Seminar durch viele Jahre so nicht zu einer Belastung, sondern zur gemeinsamen Bereicherung. Frau Betzendahl, Herr Bobke, Herr Jung, Bordesholm 1978

Auf dem Weg zum Fest bei Familie Gahrmann in Haffkrug, neue Autobahn 1978 Nach der Ölkrise Ende 1973, als wir Husum aus mancherlei Gründen aufgeben mußten, und der Samstagabend für den gemütbezogenen Anteil ausfiel, erfand die Gesellschaft neue Formen in Gestalt von mehr oder weniger großen Einladungen in die Häuser der Mitglieder bzw. ihre Gärten. Wir waren nicht nur einmal bei Thilos und Gahrmanns in Lübeck und Haffkrug, bei Frau Meyer in Bordesholm, bei Jungs in Husum, bei Frau Behrens am Westensee, bei Fuhrmanns in Neumünster zum großen Sommer-Feuer in der Nacht! Dieses Jahr lud Familie Bobke 50 Mitglieder nach Erfde ein, und 50 erschienen!

Vorstandsarbeit

Aber zurück zum Ernst des Lernprozesses. 1970 beschloß die Mitgliederversammlung eine Vorstandserweiterung. Dr. Thilo, Herr Dipl.-Psych. Dudzik und die Referentin wurden als Beirat gewählt. Damit verwirklichte sich die von Herrn Dr. Maspfuhl gewünschte Intensivierung der Vorstandsarbeit.

Herr Gahrmann, Frau Gahrmann, Frau Pribilla, Frau Betzendahl, Herr Carrière 1978 Sie wurde nach 1972, als Dr. Maspfuhl 1. Vorsitzender wurde und Dr. Gahrmann Schriftführer, für die Mitglieder durchsichtiger und deutlicher durch die Rundschreiben. Es wurde ein gedrucktes Jahresprogramm erarbeitet, das wir erstmalig 1972 bei den 1. Lübecker Psychotherapietagen vorlegen konnten.

Strukturwandel durch Balintgruppenarbeit

Wenn bis 1972 hauptsächlich Psychotherapie ausübende Kollegen zu den Mitgliedern zählten, oder solche, die über Lindau angeregt, die sogenannte "kleine Psychotherapie" betrieben, kamen ab dann mehr Ärzte zu uns, die im Sinne Balints ihre Patienten besser verstehen wollten, ohne daß sie im Gange ihrer Ausbildung Grundlagen dafür hatten. Hier begann die Balint-Arbeit von Frau Luise Meyer, Bordesholm. Gleichzeitig bot sie den Mitgliedern Einzelfall-Kontrollen an. Später arbeitete sie als nichtärztliche Lehranalytikerin - gern mit Herrn Prof. Feiereis zusammen. Ihr sei an dieser Stelle besonderer Dank gesagt für ihre opferbereite Mitarbeit, die sie in Treue fortführt, seit sie nach Berlin zurückkehrte.

Nach dem ersten Vortrag von Herrn Prof. Feiereis im Juni 1973 wurde sein Beitrag an unsere Gesellschaft immer intensiver. Durch ihn kamen junge klinische Assistenten zu uns. Ihm hätten wir gern nach dem frühen Tod von Herrn Dr. Maspfuhl während der 2. Lübecker Psychotherapietage 1973 den 1. Vorsitz anvertraut. Aber seine Belastung durch den Aufbau der psychosomatischen Abteilung an der Medizinischen Hochschule Lübeck ermöglichte es ihm damals leider noch nicht.

Literaturarbeit innerhalb der Gruppen

Seit drei Jahren läuft in nunmehr 4 Gruppen, 2 Fallbesprechungsgruppen und 2 Balintgruppen auch eine regelmäßige Literaturarbeit in Gestalt von Referaten der einzelner Gruppenmitglieder über Fachaufsätze und Bücher - entsprechend dem Bedürfnis der Gruppenarbeit Nach Möglichkeit findet dabei auch die Literatur zu den Themen der Nachmittagsvorträge Berücksichtigung. Daß diese Arbeit in die Gruppen integriert wurde, verdanken wir der Anregung von Herrn Prof. Feiereis.

Kinderpsychotherapie

Vor 2 Jahren versuchten wir durch die Einrichtung einer Balint-Gruppe für Kinderarbeit auch diesen Bereich zur Entwicklung zu bringen in unserer Gesellschaft. Es sei Herrn Prof. Dr. Hauss - als Nichtmitglied der Gesellschaft und Herrn Dipl.-Psych. Neidenbach für diese zwei jährige Arbeit heute besonders; gedankt. Ein zweiter Versuch starte jetzt unter Leitung von Herrn Dr. vor Törne.

Themenkreise der Vorträge und die Referenten

Wer, wie die Referentin, 8 Jahre in dieser Gesellschaft mitgearbeitet hat, dem wurde insbesondere durch die Vorträge und die anschließende meistens lebhafte Diskussion ein gutes Stück "Phylogenese der Tiefenpsychologie" vermittelt. Seit der regelmäßigen Husumer Arbeit kamen Themen der verschiedensten Schulen vor: der Psychoanalyse Freuds, der analytischen Psychologie Jungs, der Komplex-Lehre Adlers, der Neoanalyse Harald Schultz-Henkkes, der Ansätze Künkels und Viktor Frankls. Es wurden Testverfahren erklärt. Unvergeßlich ist wohl für uns alle das zweimalige Kommen von Herrn Dr. Wartegg aus Ost-Berlin - weil er über 60 Jahre alt war, durfte er zu uns kommen! Wir hörten psychosomatische Themen zu fast allen Organbereichen durch die Professoren Feiereis, Jores, Molinski, Freiberger, Borelli, Donath und Dr. Wittich. Wir erlebten -quasi im Selbstversuch- Psychodrama. Atemtherapie und Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Cohn. Wir wurden in verhaltenstherapeutische Ansätze, Rogerssche Gesprächstherapie, Eheberatungsarbeit, Kindertherapie, Paartherapie, Gruppenanalyse und Formen der Kurz- bzw. Fokaltherapie eingeführt. Es kamen auch Themen sehr spezieller Art vor wie der Umgang mit den Malignom-Kranken, den Sterbenden und Dialysepatienten. Es gab Themenkreise, wie die der Angst; in ihre Beziehung zur kindlichen Entwicklung führte Herr Bannach ein, in "Angst und Sexualität in der psychoanalytischen Theorie" Herr Prof. Scharfenberg, in den Zusammenhang von Angst und Aggression Herr Prof. A. E. Meyer, Hamburg.

Es gab immer wieder zur Neurosenlehre Falldarstellungen; besonders anregend waren die von Herrn Dr. Maspfuhl, Herrn Dr. Glowa und Frau Meyer. Träume wurden ausführlich von Dr. Stemmler und Frau Meyer bearbeitet. Es waren Fragen zur Technik der Psychotherapie:

Programm 1978

Erstinterview Dr. Degler; Indikation und Kontraindikation der Psychotherapie Dr. König; zum analytischen Prozeß mit Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten, Frau Haake; Ich-Stärkung, Dr. Carrière; Behandlung von Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand, Prof. Völkel ; Intervalltherapie, Abbruch und Beendigung der Therapie wurden von Dr. Speidel dargestellt. Wir hörten von der Begleitung chronisch Kranker, von Psychosentherapie; wir sahen Filme über sie. Wir wagten uns mit Dr. Maass an das Narzißmusproblem, einschließlich seiner Erscheinungsformen in der modernen Literatur durch Dr. Dettmering; unvergeßlich ist der Vortrag von Herrn Hofmann, Hamburg, über archetypische Zusammenhänge zwischen moderner Musik und der Malerei des beginnenden 20. Jahrhunderts. Psychopathologische Phänomene in den Malereien seiner Patienten führte uns Dr. in der Beck vor Augen aus seinen großen Sammlungen, und er versuchte auch, uns einen Zugang zu der Stilwandlung bei Ensor und Vinzenz van Gogh zu erschließen. Uns bewegten Fragen nach dem Menschenbild in der analytischen Psychologie Jungs, für die uns Dr. Strobel, Zürich, und Frau Dr. von Raffay in ihrer Fall-Darstellung mit der Frage nach der Bedeutung des Bösen aufzuschließen versuchten. Herr Prof. Dr. Wille führte uns an neuere Fragen der Ethik und der Rechtssprechung heran. Wir hörten durch Frau und Herrn Dr. Eisenmann über den Umgang mit Suizidpatienten in der Praxis. Wir erlebten ein "Werkstattgespräch" von Prof. Petersen über Gedanken zur Zeugung menschlichen Lebens: wie sie Eingeborene in Australien erleben, wie sie sich in Bildern des alten und neuen Testaments darstellten, wir erfuhren von den Folgen von Sterilisation, Abtreibung und Vergewaltigung.

Der Methodenpluralismus in der Psychotherapie

Es ist uns wirklich eine wahre Fülle aufgetan worden aus dem Bereich der menschlichen Psyche und ihrer Behandlung in den verschiedensten Anfechtungen, Schwächen und Erkrankungen. Es ist dadurch deutlich geworden, wie groß die Vielfalt seelischer Zusammenhänge ist. Sie bewahrt uns davor, zu meinen, wir könnten alles tun. Zwar hat jeder von uns, je nach seiner Vorbildung aus seiner Praxis heraus, einmal angefangen und ein Problem aufgegriffen, eine Technik erlernt, vielleicht eine zweite und noch eine dritte. Zu mehr reichte es selten. So bleibt nur zu oft in uns die Erfahrung, es gibt noch andere Möglichkeiten, aber ich beherrsche sie nicht. Es ist die Zeit vorbei, wo Ärzte sich allein schwer grämten, im Bereich des Organischen etwas übersehen zu haben. Heute ist der psychisch Leidende gesehen worden, und es begann eine heilsame Unruhe. Noch fehlt eine "Synopsis der Methoden" wir müssen diese Unsicherheit z. Zt. noch aushalten. Wahrscheinlich hilft uns die Wissenschaft hier bald, einen besseren Überblick zu bekommen. Aber wir erfahren ja selber in der täglichen Arbeit etwas. Das gehört dann zu unserem persönlichen Lernprozeß. Der wird verschieden aussehen, je nach unserer Vorbildung.

Der persönliche Lernprozeß

Der wahre Anfang wird im Bereich der Tiefenpsychologie immer die Selbsterfahrung sein, ob Sie da autogenes Training, Atemtherapie, Psychodrama, analytische Psychologie oder Psychoanalyse als Methode wählen. Auch bei der Balint-Arbeit geschieht sie - wegbegleitend zwar - aber sie geschieht und wird meistens spürbar nach Jahren für die Kollegen selbst und für andere.

Wer seinen Weg über eine Selbsterfahrungsgruppe geht, kann sicher mehr von sich erfahren, was dann auch entsprechende Umsetzung im Verstehen der Patienten bewirkt. Eine volle psychotherapeutische Ausbildung ist wohl auch in Zukunft mit Lehranalyse, theoretischer Ausbildung und Kontrollanalysen an den Instituten der großen Gesellschaften nur wenigen möglich. Aber sie ist höchst wünschenswert, einmal für die sogenannte große Psychotherapie, zum anderen auch zur kollegialen Mitarbeit als Leiter von Therapie-, Selbsterfahrungs-, Fallbesprechungs- und Balintgruppen.

Teamarbeit über den ärztlichen Kreis hinaus

Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich durch die Psychologisierung der Medizin in den letzten 80 Jahren allmählich verändert. Daß heute von den 30% psychisch behandlungsbedürftiger Patienten in der Klientel des Arztes für Allgemeinmedizin mehr gewußt und entsprechend beachtet wird, ist in unserem Land auch mit durch die Arbeit der NGaT getragen worden. Wir erleben viel häufiger als früher, daß wir direkt wegen seelischer Not angesprochen werden von unseren Patienten. Sind die "psychischen Kurmethoden" dem indessen trotz der vorhandenen Fülle gewachsen? Die Erwartungen an uns gehen jetzt dahin; aber das bedeutet noch nicht, daß wir sie auch wirklich immer erfüllen können. Wir werden uns in der NGaT, wenn ich es richtig sehe, auch weiterhin als Notgemeinschaft zu verstehen haben. Es ist durchaus eine Not da trotz des Methoden-Pluralismus und der größeren Zahl der darin Bemühten. Denken wir an die große Zahl der Süchtigen und Resignierten! Wir treten deshalb gern - wie von Anfang an seit der Gründung der NGaT - auch in das Gespräch ein mit den Menschen aus benachbarten Disziplinen, besonders den Heil-Pädagogen und Theologen, die mit der Tiefenpsychologie selber Erfahrungen gemacht haben, und sie im besseren Verstehen der vorgefundenen seelischen Not in ihrem Arbeitsbereich anzuwenden bemüht sind. Je früher Spezialisierung und Abstraktion in unserem Schulwesen um sich greifen werden, desto weniger Chancen haben vorgeschädigte Kinder in ihm. In der Zunahme verhaltensgestörter Schüler findet dies bereits seinen Ausdruck. Spezialisierung und Abstraktion in unserer hochtechnisierten Welt sind notwendig - aber gemeinsame Bemühungen von Ärzten, Psychologen, Erziehern und auch Theologen sollten hier ein Gegengewicht bieten. Dieses kann nur im Geiste echter Team-Arbeit geschehen, im Geiste der Freundschaft und des gegenseitigen Lebens und Nehmens.

Referenten und Gruppenleiter

Im Gespräch mit unseren Referenten erfahren wir immer wieder ein Stück Anregung und Kontrolle, aber auch Ermutigung. In der Gruppenarbeit, bei der die Leiter sich auch mit ihrer Selbsterfahrung und ihrem Wissen einbringen, werden die Arbeitsansätze immer wieder überprüft. Übrigens tun unsere Gruppenleiter diese Arbeit unentgeltlich - sie zahlen den gleichen Beitrag wie die Mitglieder - ich glaube, wir dürfen auch das als ein besonderes Charakteristikum unserer Gesellschaft werten, besonders wenn Sie daran denken, was Sie für ähnliche Unternehmungen in Lindau oder Lübeck - durchaus zu recht - zu zahlen haben. Frau und Herr Eisenmann, Herr Jung 1978

Das Selbstverständnis der NGaT heute

Wenn ich vor 4 Jahren den Vorsitz dieser Gesellschaft übernahm unter dem Gedanken, daß mir diese Verantwortung Freude machen könnte, so möchte ich heute sagen, ja, das tat sie. Ich möchte aber dazu sagen, daß es nur durch die intensive Zusammenarbeit mit dem ganzen Vorstand gelang: Herrn Prof. Feiereis als 2. Vorsitzenden, Herrn und Frau Gahrmann als Schriftführer, Herrn Dr. Eisenmann, Herrn Dr. Thilo und Herrn Dudzik.

Frau Betzendahl, Frau Schafenberg 1978 Es wurde allmählich die Struktur unserer Gesellschaft klarer. Wir verstehen uns, wie dargestellt, als eine Gemeinschaft von Ärzten in der Hauptsache, die durch Balint-Arbeit sich um ein besseres Verstehen und Umgehenkönnen mit der seelischen Not ihrer Patienten bemühen in Gemeinsamkeit mit solchen, die mehr oder weniger ausschließlich psychotherapeutisch arbeiten, mit denen sie gemeinsam sich fortbilden. Dabei bedeutet es für die einen erste Kenntnisnahme, für die anderen Kontrolle und Erweiterung ihres früher erworbenen Wissensbestandes. Ein deutlicher Ausdruck dieser Bemühungen stellt die Aufsatzfolge dar: "Das Unbewußte und seine Phänomene" von Herrn Dr. Thilo, in der von Herrn Prof. Feiereis herausgegebenen Zeitschrift: "Internistische Praxis".

Angebot eines Symbols für die Gesellschaft

Foto und Symbolentwurf: Jutta Lindner Lassen Sie mich abschließend noch mit einem Gedanken spielen: ich möchte - gerade weil ich für mich jetzt sage, es ist genug - diesen Rückblick mit einem Blick nach vorwärts abrunden, und das wage ich mit dem Angebot eines Symbols an unsere Gesellschaft zu tun. Ich fand es erst vor wenigen Jahren an der Schlei. In der Mitte des ägyptischen Tores vom ehemaligen Alchemistenturm in Louisenlund befindet sich unter den großen Flügeln des Phönix ein kleiner doppelköpfiger, gekrönter Skarabäus. Ich weiß nicht, ob Sie alle um die Bedeutung dieses kleinen "Mistkäfers" wissen?
Wer die Echnaton-Ausstellung 1976 in Hildesheim, Berlin oder München gesehen hat, weiß die wunderschönen blauen Käfer zu erinnern. Der Skarabäus legt sein Ei in eine große Kugel frischen Mists. Er ist bei den alten Ägyptern ein Symbol des Sonnengottes in seinem Werden am Morgen.

Nach meinen Erkundigungen bei 2 Ägyptologen ist der Skarabäus in Ägypten nicht bekannt gewesen in seiner Doppelköpfigkeit. Diese aber war ein Symbol der Alchemisten und ca. gegen Ende des 18. Jahrhunderts hier in unserem Land ein Sinnbild für menschliches Forschen und menschliche Entwicklungsprozesse. Die Vereinigung der Gegensätze im Einen - gut und böse, rechts und links, außen und innen, männlich und weiblich, oben und unten, Fülle und Mangel - ist hier gemeint. Diese Vereinigung geschieht in einem langen Läuterungsprozess, bei dem es heiß hergeht. Foto und Symbolentwurf: Jutta Lindner

Zukunftswünsche im Zeichen des Schmelztiegels der Alchemisten!

So wünsche ich der NGaT für die Zukunft ein Weiterleben, das um die Dimension des läuternden Schmelztiegels weiß! Sie hat starke Gegensätze in sich, schon durch die Tatsache, daß sie nicht nur Psychotherapeuten und Ärzte, sondern auch tiefenpsychologisch orientierte Psychologen, Theologen und Pädagogen als Mitstreiter bei sich vereint. Möge billiges Zweckdenken der Gesellschaft fernbleiben, wohl aber Amititia, der Geist der Freundschaft mit gegenseitigem Geben und Nehmen ihr erhalten bleiben zum Wohl der sich uns anvertrauenden Patienten und unserer selbst.

Dr. med. Herta Betzendahl, 2300 Kiel, Yorckstraße 5




Frau Hollub, Frau Tente, Herr Olbrecht, Frau Betzendahl, Herr Adelssen 2000

Rückblick 2002

Historisches von der NGaT

Nehmen und Geben kennzeichnet die 1968 von Prof. Dr. Erich Opitz in Schleswig gegründete "Norddeutsche Gesellschaft für angewandte Tiefenpsychologie e. V." Sie war von Anfang an der psychotherapeutischen Weiterbildung verschrieben. Unser Schleswig - Holstein war seiner Zeit absolutes psychotherapeutisches Entwicklungsland. Die hier sich betätigenden Psychotherapeuten hatten weite Wege hinter sich, um ihre Ausbildung zu bewerkstelligen. Die kleine Gesellschaft wuchs kontinuierlich, wobei das gedruckte, jeweils im Oktober erscheinende Jahresprogramm seit 1972 ein wichtiger Baustein war. Sie war von Anfang an nicht nur an einer der großen psycho-therapeutischen Richtungen orientiert und auch nicht nur für Ärzte konzipiert. Das wurde ihr anfangs negativ angekreidet, indessen nahm sie eine später sich zeigende Entwicklung vorweg. Auch wenn die oder der 1. Vorsitzende immer ein Arzt sein sollte, waren von Anfang an Diplompsychologen, Pädagogen und Theologen integriert und nahmen auch an der Vorstandsarbeit teil. Die Bedeutung der Schriftführer war erheblich. Als besonders fruchtbar erwies sich die langjährige Tätigkeit von Dr. Rudolf Gahrmann und seiner Frau Dürten in langen Jahren, sowie in einer Krisenzeit die Arbeit von Friedrich Kieseritzky.

In den monatlichen, ganztägigen Treffen zeigte sich ebenfalls eine gewisse Vielfalt sowohl in der Themenwahl wie in den hinzugezogenen Referenten aus ganz Deutschland, England und der Schweiz. Aber auch die innerlich gewachsenen Mitglieder bestritten das Programm mit in Falldarstellungen, in Vorträgen und Workshops. Ich zähle gern die Namen von verstorbenen Referenten der Vergangenheit auf, als da sind : Prof. Dr. Arthur Jores, Dr. Werner Achelis, Luise Meyer, Prof. Dr. Hauss, Prof. Dr. Hans Molinski und vor allem unser langjähriger 1. und 2. Vorsitzender Prof. Dr. Hubert Feiereis.

Der freundschaftliche Umgang untereinander hielt die anfängliche Notgemeinschaft zusammen und fand auch immer wieder Interesse bei jüngeren Mitgliedern. Inzwischen hat sich die psychotherapeutische Landschaft gründlich erweitert und verändert. Nicht nur der universitäre Einfluss ist zu nennen von Hamburg, Kiel und Lübeck, sondern auch die Wirkung der großen Häuser in Segeberg mit der Akademie und denen in Bad Bramstedt, Bredstedt, Bad Malente - Gremsmühlen u. a. Aber die NGaT behielt ihren festen Platz in der Psychoszene durch den aus der damaligen Not und die kontinuierlich durchgehaltene Gruppenarbeit in über drei Jahrzehnten. Diese sorgt auch für die literarisch - fachliche Weiterbildung und hilft, den Überblick bei der fast unüberschaubar gewordenen Vielfalt die Spreu vom Weizen zu trennen.

Dr. med. Herta Betzendahl

Ehrenvorsitzende der NGaT

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Letzte Änderung: 09.02.2008